Überfahrt nach Samoa

Überfahrt nach Samoa

Ankermanöver mit Hindernissen

Wir bereiten das Boot vor und auch noch ein paar Malzeiten für unterwegs, dann gehen wir Anker auf. Oha, es bläst mittlerweile mit 22 Knoten und im Riff steht etwa ein Meter Welle. Dank unserer Headsets können Dietrich und ich bei den Manövern sehr gut mit einander kommunizieren und wir stimmen uns ab, wieviel Schub von der Maschine gebraucht wird, um die Kette möglichst ohne zu viel Last zu hieven. Aber heute ist es schwierig, der starke Wind drückt den Bug immer wieder weg, MACARENA stampft und ruckt mächtig in die Kette. In dem Moment kommt das Ankerspill nicht mehr gegen die Last an und ein Meter Kette rauscht aus. Oha, das ist ja heftig. Ich gebe Kette nach, bis die Maschinenfahrt wieder für Entlastung sorgt. Nun zieht das Spill aber nur noch mit halber Geschwindigkeit, gleichzeitig klingt es gequält unter großer Last – gar nicht gut! Nachdem es noch 5 m Kette eingeholt hat, schaltet das Spill ganz ab. Owei, nun hängen wir ja ganz blöd da!

Dietrich gibt mit der Maschine einen Push nach vorne und flitzt dann runter in den Salon, um die Sicherung des Ankerspills wieder einzuschalten. Das klappt, jedoch muss ich gleich nochmal Kette fieren, damit wir nicht wieder zu viel Last auf das Spill bekommen. Das fühlt sich an wie ein Schritt vor und zwei zurück. Dieses Spiel wiederholt sich noch einmal und dann kommen wir an die Stelle, wo ich das Spill anhalten muss, um den Karabiner des ersten Floats aus der Kette zu haken. Das kann ja so gar nicht gehen! Schnell bringt Dietrich den zweiten Ankerhaken nach vorne, dieser hat einen richtigen Haken, den ich fix in die Kette einhaken und dann belegen kann, um die Last von der Kette zu nehmen und das Spill zu entlasten. (Zur Einordnung: unser liebster Ankerhaken hat keinen Haken, sondern einen extra-langer Dyneema-Softschäkel, der in Normalsituationen hervorragende Dienste leistet, jedoch etwas mehr Zeit braucht, bis er installiert ist.) So funktioniert das Ganze jetzt ganz gut: Karabiner bis kurz vor die Rolle ziehen, schnell den Ankerhaken setzen und den Karabiner aushaken. Nacheinander hake ich alle vier Floats aus und entwickele dabei so etwas wie Routine. Was ich mir nicht ausmalen möchte, ist, was passiert wäre, wenn die Kette ausrauscht, während ich gerade kopfüber über den Bugkorb hänge, mit den Fingern an der Kette und versuche, den Karabiner auszuhängen. Genau das wird jetzt durch den zusätzlichen Ankerhaken verhindert. Problem erkannt, Gefahr gebannt.

…und dann auch noch der Paß

Das war eine echt haarige Angelegenheit! Kaum haben wir den Anker oben und können Fahrt durch das Atoll aufnehmen, haben wir die Welle von achtern und alles fühlt sich wieder ganz passabel an. Schnell noch die Floats und Fender seefest am Mastgarten beibändseln und schon sind wir an der Paß-Durchfahrt angelangt. Oha, das sieht ja gaaanz anders aus als neulich! Draußen brechen sich die mittlerweile schon etwas größeren Wellen mit viel fliegender Gischt am Riff und im Paß ist ordentlich Strömung. Wir sind kurz vor Hochwasser und der kräftige Wind trifft schräg auf das Wasser. Entlang der Mitte des Passes stehen steile Strömungswellen von knapp zwei Metern Höhe. Mit viel Kraft schiebt sich MACARENA hindurch, wir tauchen ein paar Mal ordentlich ein und dann sind wir durch. Wow, das war ja schon mal ein sehr abenteuerlicher Start in den Törn.

10 -15.06.2026; vom Beveridge Reef gen Norden nach Samoa

Auf diesem Bild sieht man, dass die Routingvarianten der einzelnen Wettermodell sehr nah bei einander liegen und einen Winddreher auf Ost vorhersagen. Daher nehmen wir zunächst einen nördlicheren Kurs als den direkten Weg um am Ende nicht hart am Wind segeln zu müssen.  Auf See kommt die Welle von achtern, in den nächsten Stunden wird die Welle immer höher und erreicht die vorhergesagten rund 5 m Höhe, zum Glück ist der Schwell sehr langgezogen und verläuft relativ weich. Donnerstag erleben wir noch eine kurze Flaute, dann nimmt der Wind immer weiter zu und die See wird ruppiger.

Die Nacht von Donnerstag auf Freitag entwickelt sich etwas nervenaufreibend. Das Getöse der Wellen wird ziemlich laut und brutal, es zischt und brodelt von allen Seiten. In der totalen Dunkelheit der Nacht ist nicht zu erkennen, was da auf einen zukommt. Wir segeln nur unter Genua im zweiten Reff, MACARENA wird immer schneller, beim absurfen der Wellen sehen wir 9,8 Knoten (die Rumpfgeschwindigkeit beträgt 8,2 kn). Die Wellen schieben das Heck zur Seite, der Autopilot muss kräftig arbeiten und gibt bis zu 20 ° Ruderlage. Die Geräusche, die dabei am Ruder entstehen, klingen in meinen Ohren ziemlich grenzwertig und wir wissen, dass diese Belastung auch direkt aufs Material geht. Freitag haben wir einen Mittelwind bei 25 Knoten mit Böen über 32 Knoten und reduzieren die Genua erst in´s dritte, schließlich in´s vierte Reff:

Mit so wenig Segelfläche waren wir noch nie unterwegs. So beruhigen wir aber die wilde Fahrt, laufen aber immer noch mit über 6 Knoten Speed-over-Ground.

In der achterlichen See rollt MACARENA stark und in kurzen Abständen schleudert es uns ca. alle 3 Sekunden wild von einer Seite auf die andere. Es gibt aber auch Wellen aus 90 Grad versetzter Richtung, Kreuzsee. Je nachdem, wie uns die Wellen erwischen, ist es mal für ein paar Wellenintervalle ruhiger. Dann rammt uns wieder eine Welle seitlich und MACARENA schaukelt sich wild auf. Manchmal hört es sich an, als ob uns ein Bus gerammt hätte. Wasser kann eine unglaubliche Energie entwickeln, die sich krachend bemerkbar macht, sobald sie auf feste Gegenstände wie unseren Bootsrumpf trifft. Auf Wache müssen wir uns richtig gut festhalten, damit wir im Cockpit nicht von der Bank geschleudert werden. Dabei ist es völlig egal ob wir auf der Lee- oder Luvseite sitzen. Jede Bewegung will gut überlegt sein und muss vom Timing passen. Drei Körperpunkte (Füße/Hände) müssen IMMER Kontakt zum Boot haben. Ansonsten fliegt man unweigerlich durchs Boot und der Kopf oder die Rippen werden der nächste – allerdings schmerzhafte  – „Kontaktpunkt“. Das wir Rettungswesten und Sicherheitsgurte nutzen, ist selbstverständlich!

In der Freiwache versuchen wir so gut es geht im Salon auf den Sofas mit Leesegeln geschützt zu schlafen, aber das gelingt bei den Bewegungen und Geräuschen nicht gut. In allen Schränken und Schapps lärmt es vor sich hin, dazu knarzen und knetern alle Wände und Türen; das ganze Schiff macht ständig Lärm. In einer Nacht tut es einen sehr lauten Knall, gefolgt von ordentlichem Rumpeln. Die Quelle der Geräusche lässt sich zuerst kaum zuordnen, dann finden wir einen von Dietrichs Fotokoffern, der aus dem geschlossenen Schrank gestürzt ist. Die Tür hatte sich offensichtlich unter dem Druck von innen geöffnet und ist anschließend wieder zugeschwungen.

An Kochen ist unter diesen Bedingungen gar nicht mehr zu denken. Spontan entschließen wir uns zu einer kleinen Diät und reduzieren die Mahlzeiten zuerst auf zwei pro Tag und sind schließlich mit ein paar Kräckern zwischendurch schon ganz zufrieden. So verbindet sich immerhin das Unangenehme mit dem Nützlichen…

Dreimal steigt eine Welle über das Süll und beschert uns ein ordentliches Fußbad im Cockpit. Nicht schlimm, aber das ist für uns in all den Jahren das erste Mal, dass Wellen diese Hürde nehmen. Sicherheitshalber hatten wir vorsorglich zwei Steckschotten im Niedergang gesichert und natürlich auch das Bulleye vom Cockpit zur Achterkammer geschlossen.

Im Bild: Eine Welle rauscht von achtern heran und wächst immer weiter an, bis sie – meistens – kurz hinter dem Boot bricht.

Die Nacht von Freitag auf Sonntag

In der Nacht von Freitag auf Sonntag durchsegeln wir die Inseln Amerikanisch-Samoas. Nein, das war kein Schreibfehler, unsere Zeitrechnung bezieht sich mittlerweile auf (West-) Samoa-Zeit. Auch wenn wir geografisch zwar erst auf rund 170 ° West sind, liegt Samoa westlich der Datumsgrenze. Bislang waren wir 13 Stunden hinter der MESZ, jetzt sind wir den Lieben daheim 11 Stunden voraus. Für uns passt es gerade gut die Zeitumstellung in dieser Nacht vorzunehmen. Dadurch fällt Samstag der 13. aus.

Der vorhergesagte Winddreher kommt natürlich nicht und so können wir nicht südlich von American Samo bleiben. Sonntag kommen wir tagsüber gut voran, gegen Mittag treffen wir einen amerikanischen Fisch-Trawler, der nach Pago-Pago (American Samoa) will. Er ruft uns über Funk. Er wundert sich, in dieser Gegend und bei dem Wetter einen Segler zu treffen – und eigentlich wundern wir uns auch darüber. Er fragt nach, ob bei uns alles ok ist. Wir freuen uns sehr über diese Aufmerksamkeit – das haben wir so noch nicht erlebt.

Wenn unser Starlink bei dem irren Geschaukel Kontakt bekommt, holen wir immer wieder einen neuen Wetterbericht ein. Leider ist die Vorhersage so, dass Wind und Welle im Laufe des Tages noch weiter zunehmen sollen. Wir müssen aber auch feststellen, dass die tatsächlichen Windstärken, Böen und Wellenhöhen deutlich über denen der Vorhersagen liegen. Dietrich ist völlig entnervt und schwört in Apia ein Flugticket nach Deutschland zu kaufen und nie wieder einen Fuß auf ein Segelboot zu setzen….! Schauen wir mal, was tatsächlich daraus wird. Er hat zu diesem Zeitpunkt die Schnauze aber gestrichen voll und überhaupt keine Lust mehr auf segeln – nie wieder!

Mit den aktuellen Fahrtdaten kommen wir Montag früh gegen zwei Uhr vor Apia an. Dort wollen wir aber auf GAR KEINEN FALL nachts einlaufen, schon gar nicht bei solch einem Wetter!

Mittlerweile haben wir uns an die Windstärken gewöhnt und finden 26 kn Wind schon ganz normal. Ich ertappe mich dabei, wie ich beim Blick auf die Windanzeige in der Navi ganz erleichtert denke, „super, nur Windstärke 6“. Das finde ich bei näherer Betrachtung dann doch  irgendwie beunruhigend…

Wir sind zu schnell!

In der Nacht auf Montag legt der Wind dann noch mal ordentlich zu, wir sehen 36 kn in Böen. Um nicht zu früh anzukommen und unsere Geschwindigkeit so weit wie möglich zu reduzieren haben wir die Genua auf annähernd Handtuch-Größe reduziert. Trotzdem laufen wir noch über 5 Knoten. Das ist immer noch zu schnell, wir haben nur noch 18 nm bis Apia und die Nacht ist noch lang. Wenn wir an unserem Ziel vorbeischießen, sind wir vorbei. Bei diesem Wind und Wellen ist es nicht möglich, zurück zu segeln. Da wir die Geschwindigkeit vor dem Wind nicht mehr weiter reduzieren können, beschließe ich, die Strecke zu verlängern und kreuze vor dem Wind. Immer in der Hoffnung, dass wir vielleicht ein bisschen in die Abdeckung der Insel kommen. Irgendwann habe ich den Eindruck, dass die Welle etwas geringer geworden ist, aber der Wind bleibt auf hohem Niveau.

Samoa hat auf dieser Seite einen ausgeprägten Festlandsockel. Binnen ganz kurzer Strecke steigt die Wassertiefe von rund 4.000 Meter auf rund 60 Meter. Hm, denke ich, wenn ich Fischer wäre, würde ich genau dort fischen. Die Nacht ist sowas von stockdunkel, ich sehe einige Lichter vor mir, kann aber bei dem Geschaukel nicht ausmachen, ob dies Boote sind oder Lichter an Land. Einige der Lichter erscheinen mir ziemlich suspekt und sicherheitshalber halse ich rund 1 Meile vor dem Festlandsockel. Bei dem Wetter möchte ich ganz bestimmt nicht in Netze oder Leinen fahren. Je weiter wir uns dann vom Festlandsockel entfernen, desto höher werden die Wellen wieder.


(Blau = geplante Strecke; Rot = gefahrene Strecke)

Nach gut einer Stunde fahre ich die zweite Halse und es geht wieder Richtung Insel. Okay, die Technik funktioniert zumindest ganz gut. Ich überschlage die verbleibende Zeit und Strecke und gehe davon aus, dass ich Dietrich um 4.00 Uhr nachts noch 13 Meilen Reststrecke bis Apia übergeben kann. Da sollte es passen, das wir auch dieses Stück noch bis zum Sonnenaufgang ziehen können. Um den Effekt vielleicht noch zu verbessern und nicht so weit rausfahren zu müssen, kommt mir die Idee, ich könnte den Rest unserer Genua nach der nächsten Halse einfach „back“ stehen lassen. Kreatives Segeln, mal sehen, wie das wirkt… Ah, das ist ja ganz prima, so verringert sich unsere Fahrt über Grund auf rund 2,5 Knoten, das ist sehr erfreulich. Das Segel ist so winzig klein, dass es bei dieser Technik auch nicht schlagen oder irgendwo scheuern kann. Dietrich halst auf diese Weise weiter bis zum hellwerden und morgens um 7.00 rufen wir Apia Port Control über UKW, um unser Einlaufen in den Hafen anzukündigen.

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