
Biskaya
Freitag, 19.08.2022
Lorient – Galicien
Wir legen morgens bei sehr diesigem Wetter ab, können jedoch schon in der Ausfahrt aus der weiten Bucht vor Lorient die Segel setzen. Der Wind bläst sehr angenehm mit rund 10 Knoten, wir kommen gut voran. Schnell lassen wir Lorient und die Ile de Croix hinter uns, an Backbord sehen wir im Dunst die Landzunge von Quiberon und die Belle Ille. Irgendwann verschwindet auch dies, nun sind wir ohne Landsicht und eindeutig auf dem Atlantik unterwegs. Wir richten uns in unserem Wachsystem ein, es läuft.
Samstag, 20.08.2022
Biskaya
Als ich nachts um kurz vor 24 Uhr an Deck komme, um die Wache von Moritz zu übernehmen, ist es pechschwarze Nacht, aber in der Ferne leuchtet es voraus über den ganzen Horizont. Oha, das sieht ja aus, als hätte sich dort die halbe spanische Fischereiflotte versammelt…
Rechts und links unseres Kurses tauchen einzelne Fischer auf, das geht alles klar. Je länger ich auf die hellen Flecken zufahre, desto mehr schälen sich einzelne Lichter aus dem diffusen Licht. Ich zähle einen Pulk mit weit über 20 Fischereibooten.
Diesen Tross umfahren wir besser. Zwischendurch lässt uns der Wind mal im Stich, ich motore ein Stück, kann dann wieder segeln. Es regnet, die Sicht ist nicht besonders gut.
Als ich die Wache an Dietrich übergebe, kann er die Fischer unter Motor umfahren.
Der Samstag bleibt leider ohne Wind, es ist grau in grau, immer wieder gibt es Regenschauer, rings um uns eine graue, eintönige Wasserwüste, die in einer langen Dünung unter uns durchläuft. Macarena schwabbelt vor sich hin, unter Motor laufend werden wir ordentlich von den Wellen geschaukelt.
Moritz sieht vormittags drei große Wale, wir sehen ein paarmal das Ausblasen, sehr beeindruckend. Mehrmals begegnen uns Delfine, sie springen aus den Wellen und begleiten uns ein Stück. Wir sind allerdings etwas Orca-hypersensibel, jedes Mal, wenn wir ein prusten neben uns hören, setzt erstmal der Herzschlag aus. Zuviele Geschichten kursieren über die Orca-Attacken auf der Biskaya. Unsere Vorbereitung darauf besteht darin, dass wir das Echolot abgeschaltet haben. Das brauchen wir bei diesen Wassertiefen nicht, uns so machen wir vielleicht keinen Sonar-Lärm unter Wasser. Ansonsten kann man nur hoffen, dass wir ihnen nicht begegnen.
Sonntag, 21.08.2022
Biskaya
Um 0.00 ziehe ich wieder auf Wache, unter Maschine ist das totlangweilig. Ich hätte auch nicht gedacht, dass wir außerhalb den Fischer-Ansammlungen, so gut wie gar kein anderes Boot oder Schiff sichten. Wir fahren relativ mittig durch die Biskaya, hier ist außer uns niemand. Kurz nach 2.00 Uhr stabilisiert sich der Wind und frischt ein bischen auf, ich überlege erst, ob es sich lohnt und entschließe mich dann, die Segel zu setzen. Der Wind reicht zum Segeln, großes Aufatmen! Endlich die Maschine aus, sofort kommt Dietrich aus der Koje und fragt ob alles in Ordnung ist? Und wie es in Ordnung ist und sich gut anfühlt, endlich wieder ein Segelboot zu sein!
Sonntag Vormittag kommt die spanische Küste und das kantabrische Gebirge in Sicht, mittags ist dann leider der Wind alle. Wir halten zu dritt einen Brunch in der Sonne und lasse uns etwas treiben, irgendwann wird der Wind schon wieder kommen.
Und tatsächlich, nach ein paar Stunden setzt Westwind ein. Der Wetterbericht hatte Flaute oder wenn, dann Wind aus Ost vorhergesagt, aber egal, wir nehmen, was wir kriegen. Und wir kriegen reichlich. Binnen kürze nimmt der Wind auf 15 Knoten zu. Bei dem rasanten Anstieg der Windgeschwindigkeit, reffen wir lieber mal das Groß. Das war auf jeden Fall kein Fehler. Bald sind wir bei 20 Knoten, schließlich bei 25 – 28 Knoten Wind aus West. Leider liegt der Hafen, den wir als Alternative zu A Coruna anlaufen wollen, auch noch westlich von uns. Die Alternativen, die wir mit Ablaufen vor dem Wind erreichen können, sind nicht so toll. Also probieren wir es, wie weit wir mit dem Aufkreuzen gegen Wind und Welle kommen. Kurz gesagt, es wird sehr nass, aber es klappt. Wir lösen uns stündlich am Ruder ab und arbeiten uns Meile für Meile gegenan. Als wir in die Bucht vor Viveiro einlaufen, kommen wir etwas in die Abdeckung und es wird merklich ruhiger und angenehmer. Nun können wir auch den Anblick der imposanten Felsenküste genießen und freuen uns, dass wir die Biskaya hinter uns gelassen haben, die Überfahrt ist geschafft. Abends machen wir in der Marina Viveiro fest, erschöpft und sehr zufrieden.
Montag, 22.08.2022
Viveiro
Wir schlafen erstmal aus, es gibt da Nachholbedarf. Dann sortieren wir unsere Sachen im Schiff, lüften, putzen, trocknen alles. Ich erkunde das nähere Umfeld und finde einen Supermarkt und einen Waschsalon in Hafennähe, sehr schön. Dietrich und Moritz gehen ungeklärten Fragen bezüglich einiger Schlauchleitungen nach und finden heraus, wie genau nun der Wassermacher in den Wassertank einspeißt. Man muß es nicht verstehen, was sich die Monteure bei dem Anschluß gedacht haben… Bei der Gelegenheit ziehen sie gleich noch ein paar abgeschnittene, ungenutzte alte Schläuche aus der Bilge, das schafft Klarheit und Platz.
Nachmittags nehmen wir einen kleinen Snack an Bord und Abends gehen wir vorne in dem kleinen Restaurant am Hafen sehr ordentlich Fisch, Pulpo und sehr leckere Gambas a la Plancha essen. Super lecker und sehr, sehr reichlich.
Dienstag, 23.08.2022
Viveiro – Cedeira
Happy Birthday Dietrich!! Wir lassen ihn ein bischen hochleben, machen ein leckeres Geburtstagsfrühstück und dann darf er als besonderes Geburtstags-Gimmick heute vor dem auslaufen noch mal die Racor-Filter tauschen und reinigen. Tja, die nehmen einfach keine Rücksicht auf Feiertage. Da wir auf der Biskaya auch unter Maschinenfahrt ordentlich geschaukelt haben, wurde mit dem Diesel auch eine Menge Dreck in die Filter gesaugt. Wir beobachten dies sehr wachsam und kritisch und sind sehr froh, dass wir die Doppelfilteranlage haben.
Dann können wir uns auf den Weg nach Südwesten machen. Bereits kurz hinter der Ausfahrt aus dem Hafenbereich können wir die Segel setzen und den Kurs mit ausreichend Sicherheitsabstand an den felsigen Klippen vorbei absetzen. Die Felsen sind wirklich sehr mächtig. Darüber ist alles grün, mit Nadelhölzern bewaldet, einzelne Häuser oder kleine Siedlungen eingestreut. Heute hängen die Wolken sehr tief und es sieht abwechselnd ein bischen aus wie Allgäu (natürlich nur, wenn man das Meer ausblendet) oder wie Schottland, Irland, Norwegen. Das würde alles passen, vornehmlich im November. Aber es ist Nordspanien, es ist nicht kalt und natürlich muß die Feuchtigkeit für die üppige Vegetation irgendwo herkommen.
Wir segeln um das erste Kap, vor uns ist der Himmel hell, hinter uns folgt uns eine dicke Wolkenwand. Der Wind kam erst raumschots, nach dem Kurswechsel fällt er direkt achterlich ein. Wir baumen die Genua auf der einen Seite mit dem Spibaum aus, beim Großsegel können wir den Baum sehr gut mit dem Preventer nach vorn sichern, so dass es nicht schlagen kann. Aber die Genua steht in der Atlantikwelle ziemlich instabil, immer wieder knallt das Segel, das tut weh. Nach einiger Zeit entschließen wir uns, die Genua einzurollen. Stattdessen können wir ja unsere kleine Baumfock ausbaumen. Aha, das ist eher unkonventionell, funktioniert aber ganz hervorragend. Wir sichern die Baumfock im Schmetterlingsstil (ein Segel auf der einen, eines auf der anderen Seite) mit dem anderen Preventer nach vorn und beide Segel stehen wie eine Eins. Toll, die Besegelung gefällt uns sehr gut!
Mittlerweile ist es auch sonnig, die Wolkenwand hinter uns droht zwar immer noch, aber es hat den Anschein, dass sie uns vorerst nicht einholt. Der Wind hat zugenommen und bläst im Mittel mit 25 Knoten, manchmal sieht man auch die 27 oder 28 auf dem Windmesser. Macarena macht hervorragend Fahrt und läuft deutlich über 8 Knoten. Sehr schön. Aber, was machen wir, wenn der Wind noch weiter zunimmt? Das Großsegel lässt sich bei der Segelstellung nicht verkleinern, wegnehmen schon gar nicht. Wir sind ein bischen „festgetackert“ in dieser Segelstellung, na mal sehen, wie es sich weiter entwickelt. Als der Wind sich über 25 Knoten einpendelt und unser Ziel nicht mehr allzu weit entfernt ist, können wir ein bischen Tempo aus der wilden Fahrt raus nehmen und nehmen schon mal die kleine Fock weg. So sind wir ggfs. etwas manövrierfähiger. Dann biegen wir um den letzten Felsvorsprung, dort haben wir etwas Schutz vor Wind und Welle, das macht die Ansteuerung der relativ engen Einfahrt in die Bucht von Cedeira deutlich einfacher. Und wir können das Panorama und die Landschaft im Abendlicht richtig genießen. Schließlich sind wir völlig in der Abdeckung, nehmen das Großsegel weg und fahren unter Motor um die letzte Ecke und in die Ankerbucht. Wow, das war heute ein ganz toller Segeltag. Auch das wohlverdiente Ankerbier im Sonnenuntergang schmeckt hervorragend. Irgendwann heute Nachmittag gab es Geburtstagskuchen und auch jetzt gibt es ein besonders leckeres Geburtstagsessen für Dietrich. Aber das tollste an diesem Tag war mit Sicherheit die Rauschefahrt längs der galizischen Küste.
Mittwoch, 24.08.2022
Cedeira – A Coruna
Die Nacht vor Anker war extrem ruhig, die Bucht ist rundum geschützt und sehr hübsch. Heute Morgen fehlt jedoch ein bischen Sonne. Wir frühstücken lieber unten und machen uns dann auf den Weg nach A Coruna. Wie gestern haben wir Wind aus Nordost, also wieder achterlich, jedoch nicht so viel. Dafür wird der Nebel immer dichter, die Sicht immer geringer. Wir suchen eine Landzunge nach der anderen, sehen aber immer nur die untere Hälfte. Der obere Teil der Felsen bleibt in den dichten Wolken. Für unsere tolle Schmetterlingsbesegelung mit Groß und ausgebaumter Baumfock ist heute etwas zuviel Welle, oder zu wenig Wind. Die Segel schlagen immer wieder, aber das können wir leider nicht ändern. Der Wind nimmt ein wenig zu, dann wieder ab, wir kommen immerhin voran und irgendwann fahren wir laut Plotter in die Bucht von A Coruna ein. Sehen tun wir nicht viel davon. Als wir in der Marina Real festmachen, ist es schon nach 19.00 Uhr, das Hafenbüro ist nicht mehr besetzt. Na, dann melde ich uns morgen an. Die Stadt ist ganz nah, aber wir sind heute Abend zu müde, um noch auf Erkundungstrip zu gehen. Moritz kocht zum Abschied für uns und wir haben einen sehr lustigen letzten Abend mit Ihm an Bord.